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Streik zur Cebit – doch die Hannoveraner wissen sich zu helfen

Seit Dienstag findet bei uns in Hannover die weltgrößte Computermesse Cebit statt. Mehr als 4.000 Aussteller präsentieren ihre Produkte aus der IT-Branche, darunter auch Weltpremieren wie beispielsweise der erste Laser-Beamer. Über 300.000 Besucher aus aller Welt finden sich jährlich in der „Hauptstadt der IT-Branche“ ein, um sich über ebendiese Neuigkeiten zu informieren. Alleine Opel erwartet 25.000 Gäste. Wenn sie denn das Messegelände erreichen…

Dieses „wenn“ ist dieses Jahr leider gar nicht so weit hergeholt, denn ausgerechnet während der Cebit plant die Gewerkschaft ver.di, Hannover zu bestreiken. Ver.di fordert für seine Mitglieder 6,5 % mehr Lohn; mindestens aber 200,- €. Am heutigen Donnerstag ab 3.00 Uhr nachts wird der hannoversche Verkehrsbetrieb Üstra für 24 Stunden seine Arbeit niederlegen. Täglich befördert die Üstra circa 40.000 Fahrgäste. Zu Zeiten der Messe kommen noch einmal täglich 40.000 hinzu. Und gerade zu diesem Zeitpunkt soll gestreikt werden! Dieses Vorhaben seitens der Gewerkschaft finde ich persönlich einfach indiskutabel. Dazu muss ich sagen, dass ich generell kein Freund von Streiks bin. Zwar habe natürlich Verständnis für jeden Arbeitnehmer, der mehr Geld verdienen möchte, und es ist mir durchaus klar, dass dieser Wunsch ganz und gar nicht einfach durchzusetzen ist. Ein Streik aber ist in meinen Augen nichts anderes als Erpressung: „Gib mir mehr Geld, sonst arbeite ich nicht!“ Wenn ich mir vorstelle, ich würde mit genau diesem Satz zu meinem Chef gehen, kann ich mir sehr leicht seine Reaktion ausmalen: „Adios, Frau Becker!“ Die Beschäftigten des Bundes und der Kommunen müssen diesbezüglich aber keine Angst haben, denn solange sie Mitglied in der Gewerkschaft sind, haben sie das Recht zu streiken. Und das Gesetz scheint auch auf ihrer Seite zu sein, denn ein Eilantrag der Arbeitgeber vor Gericht, den Streik zu verbieten, wurde gestern abgelehnt.

Die Frage, die sich mir immer wieder im Zusammenhang mit einem Streik stellt, ist, wen die Streikenden im öffentlichen Dienst eigentlich mit ihrer Arbeitsniederlegung treffen möchten. Bestimmt nicht diejenigen, von denen sie mehr Geld fordern, sondern wieder mal die, die am allerwenigsten Einfluss auf die Geschehnisse haben und dennoch die Leidtragenden sind:

  • Eltern bzw. Alleinerziehende, die ihre Kinder nicht zur Kita bringen können, da diese geschlossen hat (und somit vor einem Problem stehen)
  • Normalbürger, deren Müll nicht abgeholt wird
  • Kranke, deren medizinische Versorgung nicht gewährleistet wird
  • Tausende Menschen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen

Und jetzt eben auch die Messegäste. Ich finde es ausgesprochen peinlich, in- und ausländischen Gäste in diesem Streik mit einzubeziehen. Da reisen diese Menschen oft Hunderte von Kilometern weit an – und stehen dann hilflos am Hauptbahnhof oder am Flughafen, weil die Üstra sie nicht befördern will… So viel zum Thema Gastfreundschaft! Natürlich ist der Zeitpunkt der Cebit schlau gewählt, weil große Aufmerksamkeit auf Hannover gerichtet ist und außerdem kaum sonst so viele Menschen auf einmal unterwegs sind wie zu Messezeiten. Der dreistündige Warnstreik der Lokführer 2011 kostete die Cebit alleine schon circa 10.000 Besucher…

Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass die Streikenden mit sehr viel Sympathie seitens der Bevölkerung rechnen können. Zumal – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – die Verhandlungen noch nicht einmal gescheitert sind! Es handelt sich lediglich um Warnstreiks. Aber egal, wie man sie nennt, es kommt aufs Gleiche heraus: heute wird kein Fahrzeug der Üstra fahren.

Aber unterkriegen lassen wir Hannoveraner uns nicht. Zum einen werden über 60 Busse eingesetzt, die ganztägig zwischen der Hildesheimer Straße beziehungsweise dem Hauptbahnhof und dem Messegelände fahren werden. Private Züge wie der Metronom tun dasselbe. Zum anderen wurden Taxiunternehmen der Region gebeten, nach Hannover zu kommen und dort am Donnerstag tätig zu sein. Am schönsten finde ich persönlich aber die Aktion „roter Punkt“, an der sich hoffentlich ganz, ganz viele hannoversche Autofahrer beteiligen. Also, man besorgt sich solch einen Punkt (z. B. unter www.cebit.de/de/massnahmen) und platziert ihn gut sichtbar an seiner Windschutzscheibe. Damit signalisiert der Autofahrer, dass er Messebesucher Richtung Messegelände mitnimmt und sie entweder dort, an der Hildesheimer Str. oder am Hauptbahnhof absetzt. Dieses einzigartige Zeichen der Gastfreundschaft wird älteren Hannoveranern nicht unbekannt sein: bereits im Jahr 1969 fand diese legendäre Aktion schon einmal statt. Natürlich wird es ein Verkehrschaos geben, aber besser so, als wenn Tausende Messegäste ihr Ziel gar nicht erreichen würden.

Also ich habe mir solch einen roten Punkt besorgt weil ich denke, dass keinem Gast der Messebesuch aufgrund eines Streiks verdorben werden sollte. Jetzt werde ich also vor der Arbeit bzw. nach Feierabend in der Stadt unterwegs sein und Taxi spielen…Mal sehen, wie´s wird…

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